1.1.1 Emotionale Wirkung des 1. Eindrucks

Hintergrund

Wenige Sekunden auf der Startseite entscheiden darüber, ob ein Shop-Angebot als gut, hochwertig sympathisch, vertrauenswürdig, sicher, übersichtlich, gut sortiert… empfunden wird und die BesucherInnen sich eine Befriedigung ihrer aktuellen Kaufwünsche davon versprechen. Der erste Eindruck MUSS positiv sein.
Die Startseite muss den Erwartungen der BesucherInnen entgegenkommen und gleichzeitig unverwechselbar sein. Die Breite oder zumindestens Schwerpunkte der Produktpalette müssen auf den ersten Blick erkennbar sein.

Wenn man die Zielgruppen ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen ansprechen will, muss man bereits auf der Startseite signalisieren, dass ihre Bedürfnisse ernstgenommen und berücksichtigt werden. Schlecht strukturierte, unübersichtliche, überladene Seiten, zu kleine Schrift, unzureichende Kontraste, zu dominante Werbung und technische Fehler, offensichtliche Ignoranz gegenüber Accessiblity und Usability Anforderungen verärgern diese Zielgruppen.
DurchschnittsbesucherInnen verbringen weniger als eine halbe Minute auf der Startseite. In einer halben Minute können Erwachsene 100-150 Wörter lesen. Menschen mit Seheinschränkungen oder Leseschwächen nehmen in der gleichen Zeit wesentlicher weniger wahr. Den größten Teil der Zeit, die BesucherInnen auf der Startseite verbringen, informieren Sie sich über Navigationsmöglichkeiten.
Weniger interneterfahrene und ältere UserInnen navigieren häufig zurück zur Startseite. Diese muss daher das Gefühl von sicherer Orientierung vermitteln.

Viele BesucherInnen kommen über Suchmaschinen zu einem Shop. Ihre „Startseite“ ist also möglicherweise die Landingpage eines bestimmten Bereiches oder eine Produktseite. Auch für diese Seiten gelten damit die Grundregeln der Usability und Credibility gleichermaßen.

Orientierung – Sicherheit

Bei den von uns durchgeführten Usabilitytests mit älteren UserInnen wurden überladene, unübersichtliche Angebote negativ wahrgenommen, Testpersonen erkannten zum Beispiel nicht die breite Produktpalette von amazon.de (alte Version), geizhals.at wurde nicht als Preisvergleichsplattform erkannt, umfangreiche Seitenmenüs bei quelle.at wurden als störend empfunden. Einen positiveren Eindruck machten der Zustelldienst hausfreund.at und der Ticketshop oeticket.at.aufgrund ihres klaren und überschaubaren Angebotes.

Ästhetik – Sympathie

Ästhetik spielt eher eine unterschwellige Rolle: „hausfreund.at sieht aus wie der Billa“ (eine österreichische Supermarktkette), ist eher als positive Aussage zu werten, es stuft den Internet-Zustelldienst als bekannt und vertrauenswürdig ein.

„Das Blau gefällt mir nicht, das sieht aus wie eine Pharmaseite“ – als Urteil zu quelle.at, macht ein positives Einkaufserlebnis möglicherweise von Anfang an schwieriger.

Image – Vorurteile

oeticket.at wurde beim ersten Eindruck als übersichtlich eingeschätzt, die Schwierigkeiten, die es bei der Suche nach einem bestimmten Kulturereignis gab, wurden deshalb geduldiger hingenommen.
Blinde UserInnen waren aufgrund des positiven Images und Bekanntheitsgrades von amazon.de eher bereit, sich mit den nicht optimal strukturierten Seiten länger auseinanderzusetzen. Eine vertraute Website ist besser bedienbar.

Maßnahmen

  • Beachten Sie auf der Startseite und auf Landingpages besonders die Guidelines für eine gute Informationsstruktur und für Vertrauen / Sicherheit.
  • Beachten Sie generelle Usability Guidelines für gute Lesbarkeit und webgerechte Textgestaltung, z.B.
    • Gliedern der Texte mit Zwischenheadlines, Absätzen und Listen,
    • das Wichtigste zuerst (umgekehrte Informationspyramide),
    • objektive, knappe, auf den Punkt gebrachte Texte (weniger Marketingsprache),
    • kurze Sätze, nur eine Idee/Aussage pro Satz,
    • aktive Verben (weniger Passiv),
    • kein Nominalstil (zuviele und zusammengesetzte Substantive),
    • weniger Füllwörter und unnotwendige Adjektive,
    • Vorsicht mit Anglizismen, Fachbegriffen und Abkürzungen,
    • Persönlicher Stil, direkte Ansprache der KundInnen…
  • Bieten Sie Übersicht und Orientierung, zeigen Sie wenige Highlights, nicht eine Überfülle von Produkten, vermeiden Sie eine überladene Darstellung.
  • Machen Sie wichtige Informationen (z.B. Zustellbedingungen, Rückgaberecht) leicht auffindbar bereits über die Startseite zugänglich.
  • Sprechen Sie die Gefühlsebene an, gehen Sie auf Bedürfnisse ihrer Zielgruppen ein.

Investieren Sie in ein professionelles, zielgruppenadäquates und übersichtliches Design. Die 20 Regeln für gutes Design von Timothy Samara fassen gut zusammen, was gutes Design ausmacht. [20 Regeln für gutes Design zitiert aus Timothy Samara, Grafik Design | Praxis, stiebner 2007]

  1. Ein Konzept muss sein (eine Botschaft, Aussage, Idee).
  2. Kommunizieren, nicht dekorieren (Form transportiert Inhalt).
  3. Mit einer Stimme sprechen (steht alles in einem harmonischen Verhältnis zueinander?).
  4. Maximal zwei Schriftfamilien, höchstens drei.
  5. Nutzen Sie den Eins-zwei Schlag. (Lenken Sie die Aufmerksamkeit zunächst auf einen Fokus, dann den Rest).
  6. Farben richtig wählen (passende Farben und Farbkombinationen, nicht unbedingt die klischeehaften).
  7. Kommen Sie mit weniger aus, beschränken Sie sich.
  8. Magischen Negativraum schaffen, nicht einfach ausfüllen (Raum lenkt Aufmerksamkeit auf den Inhalt).
  9. Behandeln Sie die Schrift wie ein Bild, als wäre sie ebenso wichtig.
  10. Nur der freundliche Buchstabe ist einer (erkennbar, lesbar, klar).
  11. Universalität ist gefragt; es geht nicht um Sie (ein großes Publikum muss angesprochen werden, nicht nur Kunstkenner).
  12. Zusammenziehen und trennen (Spannung, Kontraste durch Dichte und Rhythmus, engere und lockerere Gestaltung).
  13. Verteilen Sie Hell und Dunkel wie Feuerwerk und Sonnenaufgang (Konzentration von Hell und Dunkel an verschiedenen Stellen).
  14. Entweder zweckgerichtet und entschlossen vorgehen oder gar nicht (klare Entscheidungen über Größe, Arrangement und Entfernung zu anderem usw., klare Unterschiede).
  15. Messen Sie mit den Augen: Design ist visuell.
  16. Bilder schaffen – sich nicht bedienen (nicht die üblichen Standardfotos).
  17. Mode ignorieren.
  18. Bewegung! Statisch ist fade.
  19. Von der Geschichte lernen, sie aber nicht wiederholen (keine Kopie erfolgreicher Stile)
  20. Symmetrie ist das größte Übel.

Wer profitiert davon

Alle Zielgruppen

Beispiele

Startseite Amazon

amazon.at: Ein gutes Image macht toleranter gegenüber Usability und Accessibility Schwächen. Das große Angebot, die professionelle Auftragsabwicklung und Problembehandlung, schnelle Lieferzeiten und unkomplizierte Rücksendemöglichkeit von amazon.de machen die Plattform auch für Zielgruppen attraktiv, denen Design und Struktur der Website Schwierigkeiten bereiten.

Startseite Hausfreund

hausfreund.at: Wiedererkennungswert und klare Zuordenbarkeit ist wichtiger als herausragendes Design.

Startseite Oeticket

oeticket.at: Übersichtlichkeit auf der Startseite stimmt geduldiger gegenüber ev. nachfolgenden Suchproblemen.

Startseite Quelle

quelle.at: Quelle ändert die Startseite häufig anlassbezogen. Diese Version wurde von ProbandInnen unserer User-Tests als etwas zu kalt, zu blau, nicht einladend eingestuft. Das Design ist zwar professionell aber spricht die Klientel älterer KäuferInnen trotzdem nicht an.

Startseite Geizhals

geizhals.at: Weniger interneterfahrene UserInnen sind überfordert durch zu viel kleinen Text.