12.1.1 Binden Sie Spezialfunktionen unaufdringlich (unobtrusive) ein

Hintergrund

Spezielle Features sind häufig nicht barrierefrei programmiert. Die Unterstützung durch assistive Technologien ist bei proprietären Formaten (wie z.B. Flash) oft ebenfalls noch mangelhaft.

Ein Shop – zumindest der Einkaufsprozess – sollte also nicht von speziellen Applikationen abhängig sein, sondern sie nur als zusätzliche Funktionen verwenden. Der Kaufprozess muss möglich sein, ohne sie zu verwenden. Wo man die Grenze zieht, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Ist ein „vollwertiger“ Ersatz für eine Flash- oder JavaScript basierte Zoomfunktion (d.h. einfach eine statische Großansicht des Produktes) nötig, oder ist die Normalansicht der Produkte im Notfall ausreichend für eine gute Kaufentscheidung?

Es muss in jedem Fall eine herkömmliche (nicht JavaSript oder Flash basierte) Produktübersicht und Produktdetailansicht angeboten werden. Die Auswahl von Produkteigenschaften (Menge, Größe, Farbe, Sitzplatz…) muss für alle zugänglich sein. Der Checkout Prozess muss unter allen Bedingungen funktionieren.

Eine herkömmliche Variante (ohne JavaSript oder Flash) sollte aber nicht als alternative, manuell auswählbare Ansicht angeboten werden sondern nach der Methode der Unobtrusiveness integriert sein. Das bedeutet beispielsweise: ist JavaScript oder eine bestimmte Methode in JavaScript nicht vorhanden, so fällt der Browser automatisch auf eine adäquate, nicht JavaScript basierte Variante zurück.

Maßnahmen

  • Gewährleisten Sie das Funktionieren der Seite – zumindest aller für einen Einkauf erforderlichen Features und Informationen – ohne Zusatzfunktionalitäten.
  • Sorgen Sie für geschmeidige Fallbacklösungen (Degrade gracefully).
  • Geben Sie konstruktive, freundliche Fehlermeldungen und Hilfestellung (wenn z.B. ein Popupblocker ein Feature blockiert, erforderliche Plugins nicht installiert sind, Ladezeiten zu lang werden…).
  • Gestalten und platzieren Sie Zusatzfeatures so, dass NutzerInnen, die sich nicht damit befassen wollen, dies auch nicht müssen, und nicht gestört werden.
  • Ermöglichen Sie leichtes Abbrechen (Esc, deutlicher Schließen Button).
  • Sorgen Sie bei speziellen Applikationen (wie z.B. Search inside bei amazon.de) dafür, dass die Orientierung auf der Seite gewahrt bleibt und NutzerInnen leicht zur regulären Produktansicht zurückfinden.
  • Minimieren Sie die Abhängigkeit Ihres Shops von Dritttechnologien auf ein Mindestmaß. Javascript, Flash und PDF sind Technologien die bei den meisten (aber nicht allen) Usern installiert sind, auf die meisten anderen Plugins und Erweiterungen sollte eher verzichtet werden.

Wer profitiert davon

  • Ältere NutzerInnen
  • Wenig interneterfahrene NutzerInnen
  • Blinde NutzerInnen
  • Sehbehinderte NutzerInnen
  • NutzerInnen mit kognitiven Einschränkungen
  • alle NutzerInnen von assistiven Technologien

Beispiele

Quelle XXL Ansicht aufklappen nicht genutzt

quelle.at: Bei Quelle gibt es zwei Produktansichten. Die JavaScript basierte XXL Ansicht gefiel den Testpersonen teils besser als die lineare Ansicht. Sie klickten auf die Thumbnails, um eine größere Ansicht zu sehen, das Paging (Pfeile nach oben und unten) zum Aufklappen der Thumbnailreihen nutzten sie aber nicht. Blinde Testpersonen waren durch die XXL Ansicht überfordert. Sie konnten die lineare Produktansicht besser bedienen. Die Umschaltmöglichkeit sollte semantisch bereits am Beginn der Seite zur Verfügung stehen.

Quelle XXL Ansicht

quelle.at: Der Button zum Deaktivieren der XXL Ansicht im Menü rechts wurde von den Testpersonen nicht bemerkt. 2009 wurde das rechte Menü bei Quelle überarbeitet. Die Umschaltmöglichkeit von / zur XXL Ansicht war nun dominanter, weiter oben, optisch isolierter von der restlichen Navigation.

Amazon search inside - Erwartung dass Inhaltsverzeichnis klickbar ist

amazon.de: „Search inside“: Die Testperson erwartete sich, dass sie in der Voransicht des Buches die Links (hier das Inhaltsverzeichnis) bedienen könnte wie auf einer Website. Sie verlor innerhalb der „Search Inside“-Funktion etwas die Orientierung und fand nicht mehr zu ihrer Suchauswahl zurück.

Amazon searchinside Abschreckende Rechtschreibfehler

amazon.de: Mit der „Search inside“ Funktion bei Amazon kann direkt im Inhalt von Büchern gesucht werden. Das ist ein sehr guter Service. Eine Testerperson erhielt aber einen sehr negativen Eindruck durch die vielen Fehler auf der Suchergebnisseite, die sich durch die fehlerhafte Digitalisierung der gescannten Buchseiten ergaben.