12.1.2 Gestalten Sie Spezialfunktionen benutzerfreundlich und zugänglich

Hintergrund

Spezielle Features wie Online-Katalog zum Blättern, Zoom, Sitzplatzauswahl in virtuellen Räumen, Produktkonfiguratoren, spezielle JavaScript-abhängige Produktansichten, SearchInside (bei Büchern) etc. sind besonders für unerfahrene KäuferInnen ungewohnt. Die Funktionen müssen neu erlernt werden. Bei intuitiver Benutzerführung ermöglichen Sie aber ein emotionaleres Kauferlebnis und auch positive Lernerfahrungen.

Proprietäre Formate (Flash, Silverlight, Java Applets, Video, …) sind eine besondere Accessibility Herausforderung. Das Know-how, wie sie zugänglich gemacht werden können, ist noch wenig verbreitet. Zum Teil ist auch die Unterstützung durch assistive Technologien noch mangelhaft.

Maßnahmen

  • Setzen Sie spezielle User Interfaces mit Bedacht ein. Wägen Sie den Nutzen ab, überprüfen Sie alle Extrafunktionen auf ihre individuelle Sinnhaftigkeit.
  • Testen Sie die Akzeptanz neuer Benutzungs-Konzepte schon im Vorfeld ab.
  • Testen Sie spezielle User Interfaces sorgfältig in Bezug auf Nutzerfreundlichkeit und Zugänglichkeit.
  • Geben Sie externen Anbietern von Applikationen die nötigen Vorgaben und Instruktionen für eine barrierefreie Programmierung.
  • Achten Sie auch bei proprietären Formaten auf Einhaltung von Nutzerkonventionen (z.B. Unterstreichung von Links, Handcursor, wenn Klicken möglich ist, Scrollbalken).
  • Geben Sie kontextuelle Hilfe bei ungewöhnlichen Features.
  • Lassen Sie Audio und Video nicht automatisch starten, sondern erst nach Nutzeraktion. Denken Sie dabei an Probleme der Tonüberlagerung mit Screenreadern. Bei Videos, die in einem Popup abgespielt werden, kann ein automatischer Start jedoch sinnvoll sein.
  • Versehen Sie Produktvideos, die Sprechertext enthalten, mit Untertiteln (Closed Captions).
  • Achten Sie auf Tastaturbedienbarkeit (keine reinen JavaScript Links, kein onChange Eventhandler, sichtbarer Tastaturfokus, keine Tastaturfallen, bei denen es nicht mehr möglich ist, eine Applikation mit der Tastatur wieder zu verlassen). Insbesondere Flash und Java Applikationen verursachen hier häufig Probleme, die zu unbenutzbaren Seiten (und nicht nur Features) führen können. Die Benutzbarkeit kann zwischen unterschiedlichen Browsertypen auch durchaus differieren.
  • Achten Sie auf Screenreader Tauglichkeit (Beschriftung von Nicht-Text Elementen, keine Tastaturfallen, richtige Tabreihenfolge…) und die Orientierung und Verständlichkeit innerhalb der Features.
  • Deklarieren Sie nicht barrierefreie Zusatzfeatures klar als Zusatzfeatures, die nicht benutzt werden müssen.
  • Versehen Sie Flash Anwendungen oder Applets in jedem Fall mit einem kurzen, alternativen Beschreibungstext. Dieser sollte Informationen über den Inhalt des Flashmovies bieten und keine Anleitung zur Installation von Flash.
  • Machen Sie Lightboxen (virtuelle, modale Popups die kein eigenes Browserfenster sind, sondern innerhalb der Seite vor dem Inhhalt positioniert werden) verschiebbar, damit diese wichtige Seiteninhalte nicht verdecken.
  • Setzen Sie den Fokus zur Lightbox.
  • Kündigen Sie Popupfenster an.
  • Positionieren Sie Popupfenster und Lightboxen so, dass sie auch bei gezoomtem Bildschirm (z.B. 200%) noch im Viewport sind.

Wer profitiert davon

  • Ältere NutzerInnen
  • Wenig interneterfahrene NutzerInnen
  • Blinde NutzerInnen
  • Sehbehinderte NutzerInnen
  • NutzerInnen mit kognitiven Einschränkungen
  • alle NutzerInnen von assistiven Technologien

Beispiele

Quelle Flashkatalog Blättern klicken funktioniert nicht

quelle.at: Eine Testperson erwartete sich, auch aufgrund der Hand als Mauszeiger, dass die Produkte im Katalog anklickbar sind. Sie sind es normalerweise auch. An ihrem Computer funktionierte es jedoch nicht, weil die Sicherheitseinstellung des Browsers auf hoch gestellt war und Popups geblockt wurden. Sie erhielt jedoch keinen diesbezüglichen Hinweis und nahm an, dass der Katalog wohl nur zum Durchblättern sei.

Quelle - Blätterfunktion

quelle.at: Im Online-Katalog von Quelle können die NutzerInnen die Seitenecken anfassen und per Drag-and-Drop zwischen den Seiten blättern, eine nette Funktion, die ein reales Blättererlebnis vermittelt. Sie wurde in unseren User-Tests aber teils nicht bemerkt, teils nicht verstanden, jedenfalls nicht benutzt. Es steht aber auch eine vertrautere Navigationsmethode mittels Pfeilen rechts und links vom Katalog zur Verfügung, mit denen ebenfalls umgeblättert werden kann.

Quelle Zoomen zu oft geklickt

quelle.at Zoom: Als eine Testerperson die Zoomfunktion bei Quelle zum ersten Mal bediente, klickte sie nur auf das Thumbnailbild, das dazu dient, den Bildausschnitt zu verschieben, wenn bereits gezoomt wurde, und in der Großansicht. Erst beim zweiten Mal bemerkte sie den Slider und klickte dort so oft, dass die Applikation hängen blieb und sich nicht mehr schließen ließ.

Oeticket Javaapplikation Saalplan winzig gezoomt Versuch Platzwahl

oeticket.at: Die Sitzplatzauswahl bei Oeticket (eine Java Applikation) stellt nicht nur unerfahrene NutzerInnen auf die Probe. Die TesterInnen waren irritiert davon, dass sie am Anfang nicht den ganzen Sitzplan sehen konnten. Sie zoomten ihn unlesbar klein und versuchten dann, einen Platz auszuwählen.

Oeticket Javaapplikation Saalplan Versuch Platzwahl keine Linkmarkierung

oeticket.at: Die Sitzplatzauswahl mittels Saalplan ist schwierig. Klickbar scheinender Text ist nicht klickbar, wie z.b. die Preiskategorien mit den bunten Markierungen im rechten Menü. In der Lightbox, die erscheint, wenn man auf einen Sitzplatz klickt, muss auf den Preis geklickt werden, damit der Platz wirklich ausgewählt wird. Das ist jedoch unklar, weil es keinerlei Linkmarkierung gibt, keine Unterstreichung des Links, keinen für Links typischen Mousepointer beim Mouseover.